Neben Immobilität, Instabilität und Inkontinenz gehört der intellektuelle Abbau in Form von Demenz und in Verbindung mit anderen psychischen Störungen wie vor allem Depressionen und Phobien zu den vier klassischen Geriatriesyndromen.

Speziell für den Umgang mit verwirrten alten Menschen gibt es Konzepte, welche aus unterschiedlichen Blickrichtungen heraus Wege zum würdevollen Umgang mit diesen Menschen aufzeigen.

Weil die Pflege und Betreuung aber ganzheitlich erfolgen muss, sind diese Konzepte in ihrer Einheit zu betrachten und gemeinsam in sich ergänzender Weise anzuwenden.

Der personzentrierte Ansatz nach Tom Kitwood als Basis gerontopsychiatrischer Pflege und Betreuung

Basis und Philosophie gerontopsychiatrischer Pflege und Betreuung sollte der personzentrierte Ansatz des englischen Psychologen Tom Kitwood sein.

Kitwood stellte die Beziehungsgestaltung in den Mittelpunkt seiner Pflegekultur.

Er ging davon aus, dass ein demenziell erkrankter Mensch kein objektives Verhältnis mehr zu sich selbst und zu seiner Umwelt hat. Er kann die reale Welt, in der lebt, nicht mehr rational wahrnehmen. Jede Beziehung erlebt er pur wahr – ohne Möglichkeit der Reflexion und Bewertung.

Die zentrale Aussage seines Ansatzes lautet daher, dass es in der Pflege Demenzkranker um ihr Personsein geht.

Kitwood fordert, Orte zu schaffen, in denen auch Menschen mit Demenz fortfahren können, in einem ICH – DU – Modus in einer Welt von Personen zu leben und sich selbst als Person und damit als Subjekt zu erfahren.

Diesem person–zentrierten Ansatz diametral entgegengesetzt ist die somatisch geprägte Funktionalpflege in Krankenhäusern. Menschliche Beziehungen bleiben dabei in der Regel auf die Erledigung pflegefunktioneller Aufgaben reduziert.

In der gerontopsychiatrischen Pflege und Betreuung steht aber nicht die Pflegefunktion im Mittelpunkt, sondern die Beziehungsgestaltung und positive Interaktionsarbeit.

Daher ist Personsein in der Pflege und Betreuung verwirrter alter Menschen die bewusste Gestaltung positive Interaktionsarbeit sowie die bewusste Vermeidung personaler Detraktion.

Dementia Care Mapping als Methode, um das Wohlbefinden verwirrter alter Menschen evaluieren zu können

Als Evaluierungsmethode dieser Beziehungsarbeit entwickelte Tom Kitwood Dementia Care Mapping,

Dementia Care Mapping heißt:

  • Feststellung der Lebensqualität als Indikator der Pflegequalität durch fremde bzw. neutrale Beobachter aus der Sicht des Betroffenen;
  • dokumentiertes und bewertetes Abbilden von Situationsfolgen durch Beobachtung;
  • Reflexion der Abbildungen mit dem Pflegeteam im Abgleich der Einschätzungen;
  • wohlwollend – kritische Fallbesprechung.

Dabei wird das jeweilige Wohl- bzw. Unwohlbefinden nach 24 vorgegebenen Verhaltens­kategorien und 17 vorgegebenen personalen Detraktionskodierungen eingeschätzt.

In der täglichen Arbeit auszuschließende personale Detraktionskodierungen sind beispielsweise

  • Betrügen,
  • Herabsetzen und verächtlich machen.
  • Infantilisieren,
  • Einschüchtern,
  • Überholen,
  • Verbannen,
  • Ignorieren,
  • Zwingen,
  • Vorenthalten,

Diese Art der Interaktion untergräbt das Personsein. Sie ist würdelos und schmälert das Wohlbefinden.

Positive Interaktion hingegen stärkt das Personsein und fördert das Wohlbefinden der verwirrten alten Menschen,

  • indem positive Gefühle verstärkt werden;
  • die im Augenblick zutage tritt und die Gefühle des Demenzkranken dominiert.
  • indem geholfen wird, mit einer seelischen Wunde umzugehen,

Solche positiven Interaktionstechniken sind beispielsweise

  • Verhandeln,
  • körperorientierte Interaktion.
  • Zusammenarbeiten,
  • Validation,

Wichtig ist zu wissen:

  • Im Gegensatz zur Psychotherapie, welche ergebnisorientiert verläuft und einen Abschluss findet, muss das Personsein Demenzkranker ständig gestärkt werden. Hört die positive Interaktionsarbeit auf bzw. wird durch personale Detraktion unterbrochen, dann verlieren sich Beziehungsvertrauen, Wohlbefinden und Personsein.
  • Je fortgeschrittener die Demenz ist, desto größer ist der Bedarf an positiver Interaktion, besonders in ihrer nonverbalen und körpernahen Art in Form körperorientierter Interaktion.

Das psychobiografische Pflegemodell nach Erwin Böhm als Instrument, um Psychobiografien erheben zu können.

Neben der benannten Besonderheit in der Beziehungswahrnehmung ist für die geronto­psychiatrische Pflege bedeutsam, dass für demenziell erkrankte Menschen Regressions­handlungen symptomatisch sind.

Demenzkranke Menschen greifen auf frühere Verhaltensmuster zurück. Sie sind Inhalt des Langzeitgedächtnisses und damit noch lange Zeit abrufbar. Sie geben diesen Menschen Sicherheit.

Demenzkranke Menschen kehren in ihre Biografie zurück. Dabei tauchen prägende Geschehnisse wieder auf. Es können freudige Ereignisse, aber auch Ereignisse von Verlust, Angst, Kränkung u. ä. sein. Sie vermengen sich mit Ereignissen der Gegenwart. Vor diesem Hintergrund der Regression als quasi Umkehrverhalten der persönlichen Entwicklung stellt sich die Biografiearbeit als wesentlicher Bestandteil gerontopsychiatrischer Pflegearbeit dar.

Eine große Hilfe ist uns dabei der Österreicher Erwin Böhm mit der biografisch orientierten reaktivierenden Pflege auf der Basis seines psychobiografischen Pflegemodells.

Böhm geht es in der Biografiearbeit nicht um den objektiven Teil der Biografie in Form lebensgeschichtlicher Zeitdaten.

Böhm geht es um die Gefühlsbiografie, damit

  • erstens um die Möglichkeit, den Demenzkranken in Form seiner psychobiografisch gewachsenen Identität, seines Rollenverständnisses und des Systems seiner Lebenswerte und Lebensregeln zu erreichen;
  • zweitens um die psychobiografische Gestaltung von Interaktionen,
  • drittens um die Möglichkeit, durch die Kenntnis, Wertschätzung und die Arbeit mit der Psychobiografie Auffälligkeiten und soziale Rückzüge zu vermeiden, indem die Lust am Leben aufrechterhalten wird.

Um diese Ziele zu erreichen, beinhaltet sein Konzept beispielsweise

  • die Erstellung und Interpretation von Psychobiografien;
  • die Erstellung psychogener Pflegediagnosen auf der Basis dieser Psychobiografien;
  • die Arbeit mit Interaktionsbögen auf der Basis dieser Pflegediagnosen;
  • die Umsetzung des psychobiografischen Normalitätsprinzips in der gerontopsychia­trischen Pflege.

Auf der Basis dieser Psychobiografien besteht die Möglichkeit, Demenzkranke mit Phobien und Depressionen psychotherapeutisch zu begleiten und damit ihr Personsein zu gewährleisten.

Die Validation nach Naomi Feil als Instrument, um Beziehungen mit verwirten alten Menschen gestalten zu können

Eine große Hilfe ist uns dabei die US-Amerikanerin Naomi Feil mit ihrem Konzept der Validation.

Personsein in der Pflege und Betreuung verwirrter alter Menschen beinhaltet Validation.

In ihrem Buch “Validation in Anwendung und Beispielen” schreibt Naomi Feil: “Eine Depression ist ein innerer Wendepunkt. Wut, Auflehnung, Scham, Schuld, Liebe – Gefühle, die ein Leben lang erfolgreich zurückgehalten werden, fangen an, uns zu vergiften. Mittlerweile ist unser Gefühls-Rucksack so schwer, dass wir ihn nicht mehr tragen können”.

Tatsächlich haben sehr viele alte Menschen Depressionen, aber auch chronifizierte Angst­störungen und posttraumatische Belastungsstörungen.

Im Rahmen der mit der Demenz verbundenen Regression tauchen psychogene Probleme auf, die schon lange Zeit latent vorhanden waren. Sie können die Grundlage für Auffälligkeiten sein. Weder mit pharmakologischen noch mit psychotherapeutischen Behandlungsoptionen wird es gelingen, derartig manifest gewordene Neurosen und affektiven Störungen zu heilen.

Gerade deshalb ist die Aufgabe, auch diese Bewohner im Sinne des personzentrierten Ansatzes zu betreuen, eine ganz besondere Herausforderung.

Wenn man Psychotherapie im klassischen Sinne versteht, also als Prozess, durch den eine Person in die Lage versetzt wird, ihre “Art des In der Welt Seins” vor allem in Bezug auf die Beziehungsfähigkeit zu anderen Menschen positiv zu verändern, dann kann Psychotherapie für Menschen zu Beginn der Demenz eine große Hilfe sein; in einer Zeit also, wo Versagensängste, Angst vor dem Verlassensein, Gefühle von Scham und Verzweiflung, von Nutz- und Wertlosigkeit sowie sozialer Rückzug zu dominieren beginnen. Diese psychotherapeutische Arbeit kann natürlich nur durch ausgebildete Psychotherapeuten geleistet werden.

Psychotherapie ist aber auch bei fortgeschrittener Demenz für Menschen wichtig, die in negativen Regressionen gefangen und auffällig sind. Wie bereits gesagt, geht es nicht um Heilung, sondern darum, auch diesen Menschen zu helfen.

Sozialkompetenz und Empathie als Basis jeglicher gerontopsychiatrischer Arbeit

Personsein in der Pflege und Betreuung verwirrter alter Menschen verlangt Pflegende mit Sozialkompetenz.

Erfahrungsgemäß wirkt sich der Umgang mit psychisch kranken Menschen auf das Verhalten der Mitarbeiter Innen aus. Er prägt nachhaltig Organisationskultur und -dynamik. Latent besteht die Gefahr, dass sich die Mitarbeiterinnen von der Balance der Bedürfnislage des geriatrisch und psychisch kranken alten Menschen entfernen. Es besteht die Tendenz, dass sich die Mitarbeiterinnen mehr auf eine somatisch-funktionale Pflege als auf ein förderndes psychosoziales Milieu orientieren.

Diese Bedürfnislage beinhaltet aber eine Balance aufrechtzuerhalten zwischen der Pflege der somatisch-geriatrischen Syndrome wie Schmerz, Instabilität und Stürze, Arthrosen, Insuffizienzen und Immobilität sowie Inkontinenz auf der einen Seite sowie der Gestaltung eines fördernden psychosozialen Milieus mit den Bausteinen Liebe, Trost, Bindung, Einbeziehung, Beschäftigung und Identität und dem Ziel, die Lust am Leben zu erhalten, auf der anderen Seite.

Um diese Bedürfnislage im Sinne des personzentrierten Ansatzes in ihrer Balance zu halten, bedarf es bei den Mitarbeiterinnen einer Kompetenz, welche sich aus den Feldern

  • Fachkompetenz
  • Persönlichkeitskompetenz
  • Sozialkompetenz

zusammensetzt.

Von besonderer Bedeutung ist hierbei die Sozialkompetenz. Sozialkompetenz zeigt sich im Umgang mit anderen. Sie beinhaltet die Fähigkeit zur Empathie, also zum Einfühlungs­vermögen in die Gefühlswelt des anderen. Sie beinhaltet die Fähigkeit, die Umwelt um sich herum emotional zu erfassen und darauf basierend die Fähigkeit zum tätigen Mitgefühl.

Die Symptomatik der Demenz und anderer psychischer Störungen erzwingt Empathie. Ohne sie ist positive gerontopsychiatrische Pflege im Sinne des personzentrierten Ansatzes nicht möglich.

Das mäeutische Pflegekonzept nach Cora van der Kooij als Instrument zur Ausformung von Sozialkompetenz und Empathie

Sozialkompetenz ist erlernbar. Durch erworbene Kenntnisse, erlernte Fähigkeiten, gewonnene Einsichten und gemachte Erfahrungen kann Einfühlungsvermögen in Menschen mit psychischen Störungen ausgeformt werden.

Das aus Holland stammende mäeutische Pflegekonzept ist dabei sehr hilfreich.

Dieses Konzept betrachtet die gerontopsychiatrische Pflege aus der Blickrichtung der Schnittstelle zwischen Betreuten und Pflegenden und damit aus der Blickrichtung der Wechselwirkung ihrer unterschiedlichen Gefühle und Erlebenswelten. Das Konzept basiert auf der Erfahrung, dass der reale Kontakt zwischen Betreutem und Pflegenden von ausschlaggebender Bedeutung für das Wohl oder Unwohl beider ist. Damit steht die Aufmerksamkeit für beide Erlebenswelten gleichermaßen im Mittelpunkt dieses Konzeptes.

Mäeutik steht für das Bewusstmachen und Bewusstwerden beider Erlebenswelten im Mitarbeiterteam. Realisiert wird sie in Supervisionen und Fallbesprechungen.

Doz. Dr. Johannes Richter
Geibelstraße 56
04129 Leipzig
Dr.JRichter@t-online.de
Mitglied der Alzheimer Angehörigen-Initiative Leipzig e.V.