Leipziger Volkszeitung vom 09.12.2011 – “Nur wenige arbeiten auf professionellem Niveau”

Eine besondere Würdigung für Leipzigs Alzheimer Angehörigen-Initiative

Die Alzheimer Angehörigen-Initiative Leipzig kann sich freuen: Als eine von bundesweit 13 gemein­nützigen Organisationen erhält der Verein für sein Engagement im Themenfeld Demenz die Phineo-Empfehlung “für besondere Wirksamkeit”. Das Angebot der Leipziger – bestehend aus vier Bausteinen – “bestach” die Juroren: eine Beratungsstelle, das Demenzhilfe-Mobil, ein Demenz-Telefon sowie eine aufgebaute Organisations-Website als überregionales Informationsportal.

“Demenz ist ein gesellschaftlicher Riese”, weiß Sprecherin Claudia Cornelsen von der gemein­nützigen Phineo AG, einem unabhängigen Analyse- und Beraterhaus mit Sitz Berlin. “Allein im Großraum Leipzig sind über 10000 Menschen daran erkrankt. Die Last tragen Angehörige. Und da vor allem die Frauen – jede berufstätige Frau fällt im Schnitt dreimal aus dem Arbeitsleben heraus: einmal wegen der Kinder, zweimal wegen der Eltern. Wobei Männer auch schon häufiger die ,Älternzeit’ als Elternzeit nehmen.” Doch unterm Strich würde letztlich nur einer von neun Angehörigen bisher auf Hilfe zurückgreifen. Wohl auch aus Angst vor Stigmatisierung.

Doch derart “droht das Burnout der Töchter und Söhne, die als ,Deutschlands größter Pflegedienst’ unverzichtbar sind”, meint Cornelsen. “Aber mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz und knappe Pflegeressourcen führen sie da schon an seelische und körperliche Grenzen.” Dabei, ist sich die Sprecherin sicher, biete das Leben mit Demenz Chancen und, ja, auch Freuden, wenn Betroffene, Angehörige und Gesellschaft den richtigen Umgang mit der Krankheit lernten. Maßgeblich entlasten könnten an dieser Stelle gemeinnützige Organisationen – ob durch Aufklärung oder Beratungsarbeit; ob durch ambulante Besuchsdienste oder ambulante Betreuung; ob durch Urlaubsbegleitung oder spezielle Wohngemeinschaften. Aber solche Initiativen stünden – anders als bei Themen wie Umwelt oder Bildung – was dieses wichtige Thema betrifft hier zu Lande erst am Anfang. “Und nur wenige arbeiten auf wirklich professionellem Niveau”, so Cornelsen. Nicht zuletzt würden angesichts der zunehmenden Bedeutung der Krankheit auch die Anforderungen an das freiwillige Engagement in dem Bereich wachsen.

Um nun Spendern, Stiftungen und Unternehmen zu zeigen, wie sie dieses gesellschaftliche Engagement im Themenfeld Demenz stärken können, habe Phineo über ein Jahr eine umfassende Analyse durchgeführt. Der daraus resultierende und jetzt erschienene Report “Vergessen? Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen unterstützen” stellt auf 36 Seiten die Ergebnisse vor. Und: “Im Rahmen der Untersuchung wurden in einem mehrstufigen Verfahren bundesweit auch 40 Demenz-Projekte geprüft”, so Cornelsen. Die letztlich 13 empfohlenen – darunter eben die 2008 gegründete Alzheimer Angehörigen-Initiative Leipzig – sollen nun bei einer feierlichen Zeremonie in Stuttgart Ende Januar für ihren vorbildlichen Einsatz ausgezeichnet werden.

Ein Berg Geld wird damit jedoch nicht verbunden sein: “Für uns ist der tiefere Sinn dieser Ehrung, die einem Spendengütesiegel gleichkommt, sehr bedeutsam”, freut’s Josef Hille vom Vorstand der Initiative, die aus zwei Hauptamtlichen, 55 Ehrenamtlern und neun Honorarkräften besteht, absolut. “Die Phineo empfiehlt uns jetzt ja nicht nur auf ihrer Internetseite und fertigt sowohl in Print- wie Digitalform Porträts zwecks Verbreitung von uns an. Auch an dieser AG beteiligte große Wirtschaftsunternehmen – Gesellschafter sind unter anderem Bertelsmann Stiftung und Deutsche Börse – werden jeweils auf ihren Internetseiten auf uns aufmerksam machen und uns so als spendenwürdig ausweisen – was für uns in der Tat wichtig ist.”

Angelika Raulien


Kontakt zur Alzheimer Angehörigen-Initiative Leipzig über Josef Hille, Tel. 0341 86329906,

Mail info@demenz-leipzig.de; www.demenz-leipzig.de.

Nächste Demenzhilfe-Sprechstunde am 15. Dezember, 14 bis 18 Uhr, im Gesundheitsamt Friedrich-Ebert-Straße 19.

“Alzheimer Info” Artikel – Alzheimer Angehörigen-Initiative Leipzig von PHINEO ausgezeichnet

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Neu: Demenzhilfe-Sprechstunde im Gesundheitsamt

Die Alzheimer Angehörigen-Initiative Leipzig e.V. bietet zukünftig einmal im Monat eine Demenzhilfe-Sprechstunde zur Beratung von Angehörigen Demenzkranker im Leipziger Gesundheitsamt an. Als “Experten in eigener Sache” beraten erfahrene Angehörige kostenfrei Betroffene und ihre Angehörigen zu allen Fragen der mit der Demenzerkrankung verbundenen Probleme und bieten Beratung und Hilfe für deren Bewältigung an. Die Angehörigen-Sprechstunde berät auf Basis eigener Betreuungs- und Pflegeerfahrung in Verbindung mit erprobten Lösungsstrategien.

Die Beratung findet jeweils am 3. Donnerstag des Monats von 14 bis 17 Uhr in der Friedrich-Ebert-Straße 19a, 1. Etage, Zimmer 107a, statt.

Anmeldung erbeten:
Demenzhilfe-Telefon: 0341 8632 9906

Aktivitäten des Vereins zum Welt-Alzheimertag 2011

Weitere Veranstaltungen
  • 18.08.2011: Präsentation der Alzheimer Angehörigen-Initiative Leipzig anlässlich der Eröffnung der 1. Berufsfachschule für Altenpflege in Delitzsch.

  • 07.09.2011: Wöchentlich wiederkehrender Einsatz des Demenzhilfe-Mobiles zur öffentlichen Präsentation der Alzheimer Angehörigen-Initiative Leipzig in den verschiedenen Stadtbezirken von Leipzig und in verschiedenen Landkreisen.

  • 15.09.2011: Start der monatlichen Demenzhilfe-Sprechstunde im Gesundheitsamt Leipzig.

  • 16.09.2011: Präsentation des Video-Films „Du und ich – Leben mit frühem Alzheimer“ mit Sieghard Liebe.

  • 21.09.2011: Beratungseinsatz des Demenzhilfe-Mobiles im Stadtzentrum von Leipzig zum Weltalzheimertag.

  • 21.09.2011: Erweitertes Treffen der Angehörigen-Selbsthilfegruppe anlässlich des Weltalzheimertages.

  • 29.09.2011: Vortrag beim Angehörigen-Treffen im Altenpflegeheim St-. Gertrud in Leipzig zum Thema „Probleme Demenzkranker in Pflegeeinrichtungen“.

Vortrag: Demenz verstehen

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PHINEO empfiehlt Alzheimer Angehörigen-Initiative Leipzig e.V.

 

PHINEO empfiehlt bundesweit 13 wirkungsvolle Demenzprojekte:
Alzheimer Angehörigen-Initiative Leipzig e.V. ist dabei.

 

Phineo

 

Nach einem mehrstufigen Analyseverfahren hat Phineo 13 gemeinnützige Demenzprojekte als besonders wirkungsvoll identifiziert. Ausgeprägte Leistungsfähigkeit und großes Wirkungspotenzial zeichnen diese Projekte aus. Phineo empfiehlt diese 13 Qualitätsprojekte Sozialen Investoren für ihr finanzielles Engagement. Eines der von Phineo empfohlenen Projekte ist Hilfe durch Beratung der Alzheimer Angehörigen-Initiative Leipzig e.V., einer auf Selbsthilfebasis arbeitenden gemeinnützigen Organisation.
Die durch die Angehörigen-Initiative bereitgestellte „Hilfe durch Beratung“ besteht aus 4 Teilprojekten:

 

  1. Demenzhilfe-Beratungsstelle für Angehörige von Erstberatung bis zu Hilfsangeboten
  2. Demenzhilfe-Telefon für Soforthilfe, Krisenintervention und überregionale Beratung
  3. Informationsportal als unabhängiger Lotse für Orientierung, Hilfe und Weiterbildung
  4. Demenzhilfe-Mobil für aufsuchende Beratung und Einsätze öffentlicher Aufklärung

 

Besonders positiv fällt auf, dass ein sehr differenziertes, trägerunabhängiges und zielgruppengerechtes Angebot gemacht wird. Eingebettet ist das Projekt in die landesweit wirkende Lobbyarbeit der Organisation. Ausschlaggebend für die Gründung der Initiative war die erfolglose Suche vieler von der Demenzerkrankung eines Elternteils oder geliebten Ehepartners betroffener Familien in Leipzig nach adäquater Information, unabhängiger Beratung und wirksamen Hilfen.

„Gemeinnützige Akteure sind eine tragende Säule bei der Bewältigung der gesellschaftlichen Herausforderung Demenz“ sagen Sonja Schäffler und Charlotte Buttkus, die bei Phineo die Analyse von insgesamt 40 gemeinnützigen Organisationen im Themenbereich Demenz verantwortet haben. Die beiden Analystinnen sehen einen großen Unterstützungsbedarf durch private Mittel: „Wenn gemeinnützige Organisationen ihre tragende Rolle gut machen sollen, brauchen sie mehr Förderung durch private Mittel. Im Bereich Demenz können Soziale Investoren, also Stifter, Spender und sozial engagierte Unternehmen, wirklich etwas bewegen.“

Eine Übersicht aller empfohlenen Projekte gibt es auf www.phineo.org. Ausführliche Projektporträts werden in der zweiten Jahreshälfte veröffentlicht.

Hintergrundinformationen zum Thema Demenz, welche Rolle gemeinnützige Akteure spielen und wie private Geldgeber wirkungsvoll unterstützen können, sind auf der PHINEO-Website als pdf abrufbar.

 

PHINEO ist eine gemeinnützige Aktiengesellschaft, die Sozialen Investoren Orientierung bei der Suche nach Themenfeldern und konkreten Projekten für ihr wirkungsvolles soziales Engagement gibt. Als gemeinnützige Aktiengesellschaft wird PHINEO von einem breiten Bündnis aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft getragen. Gesellschafter sind u.a. die Bertelsmann Stiftung, die Deutsche Börse, KPMG, PwC und die Stiftung Mercator. PHINEOs Mission ist es, den gemeinnützigen Sektor und die Gesellschaft zu stärken. Um dieses Ziel zu erreichen, empfiehlt PHINEO auf Basis der mehrstufigen PHINEO-Analyse gemeinnützige Projekte, die besonderes Potenzial haben, die Gesellschaft nachhaltig zu gestalten. Mit Reports zu ausgewählten Themenfeldern, Ratgebern zum „Wie“ des Gebens und individueller Beratung bietet PHINEO eine Plattform für Orientierung: www.phineo.org

Qualifizierung ehrenamtlicher Helfer/innen für die Betreuung von Demenzkranken

Mit dem 8. Schulungskurs Ende März 2011 wird die Qualifizierung ehrenamtlicher Helfer und Helferinneninnen für die Betreuung von Demenzkranken durch die Leipziger Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V. fortgesetzt. Weitere Kurse sind vorgesehen. Ehrenamtlich tätige Helferinnen und Helfer leisten einen wichtigen Beitrag zur Versorgung von Demenzkranken. Sie entlasten die Angehörigen durch Übernahme zeitaufwendiger Betreuungsleistungen und schaffen den Freiraum für deren eigene Bedürfnisse, Gesunderhaltung und Erholung. Als Träger niedrigschwelliger Betreuungsleistungen organisiert die Alzheimer Angehörigen-Initiative Leipzig e.V. mit Förderung über den Kommunalen Sozialverband Sachsen diese Schulungskurse. Eine angemessene Schulung und Fortbildung gilt als Voraussetzung für den Einsatz bei der häuslichen Versorgung demenzkranker Menschen zur Unterstützung der Angehörigen (§45c SGBXI) und für die Gewährung einer Aufwandsentschädigung über die Pflegekassen. Bei entsprechendem Betreuungsbedarf können die Kosten für die in Anspruch genommene zusätzliche Betreuungsleistungen bis maximal 200 Euro pro Monat den Angehörigen durch die Pflegekassen erstattet werden (§45a/b SGBXI).

Anmeldung unter:

  • Tel. 034186329906
  • ed.gizpiel-znemed@ofni
  • www.demenz-leipzig.de

Angehörigen-Selbsthilfegruppe Demenz

Die Angehörigen mit demenzkranken Familienmitgliedern treffen sich, um sich gegenseitig Mut zu machen durch Austausch eigener Erfahrungen oder einfach zuhören.
Die Alzheimer Angehörigen-Initiative Leipzig lädt zu regelmäßigen Treffen einmal im Monat ein. Der nächste Gesprächskreis für Angehörige findet kommenden Mittwoch den 16. März, von 13 bis 15 Uhr statt.
Telefonische Anmeldung ist erwünscht.
Wenn Sie ein persönliches Einzel-gespräch wünschen oder wirksame Hilfe suchen, werden Sie unabhängig beraten am Demenzhilfe-Telefon unter 034186329906 oder in der Demenz-Beratungsstelle.
www.demenz-leipzig.de

Leipziger Volkszeitung vom 29.12.2010 – Arm durch Pflege


Den original Artikel finden Sie auch hier als Download.



Zahl der Demenzkranken nimmt zu – vielen Angehörigen kommt Versorgung teuer zu stehen

Leipzig. Den Sozialkassen droht eine Kostenexplosion durch den starken Anstieg der Zahl von Demenzkranken. Derzeit wird mehr als jeder dritte Bundesbürger im Laufe seines Lebens altersverwirrt und pflegebedürftig. Doch wer kommt für die Kosten auf? Schon heute leiden Ehefrauen und -männer an der finanziellen Belastung, die mit der Pflege ihrer Partner einhergeht.

Von Simone Liss

Ein Weichzeichner hat seine Vergangenheit übermalt. Die Spuren, die Konturen, die Trampel­pfade seiner Erinnerung: verschwunden. Reiner M.* ist 57, als er das Schiff ohne Wiederkehr betritt, ins Meer des Vergessens driftet. Ein Schlaganfall bringt den motorsportbegeisterten Leipziger im Sommer 2004 aus dem Lot. Sein Wesen verändert sich in kürzester Zeit. Er wird einsilbig, sprach- und antriebslos, aggressiv, zunehmend depressiv. “Ich vergesse”, sagt er fassungslos über sich selbst und droht mit Selbstmord. Der Moment, in dem seine Frau Karin* die Reißleine zieht. Sie lässt ihren Mann zwangseinweisen. Die Diagnose des Neurologen: Vaskuläre Demenz. Das Gehirn ist aufgrund der Durchblutungsstörung irreparabel geschädigt. Was das langsame Sterben im Kopf bedeutet? Zuerst verblassen die Erinnerungen, dann verlieren sich die Sprache, das logische Denken und schließlich die Bewegungsfähigkeit. “Es tut weh, wenn sich der eigene Mann nach 36 Jahren Ehe auf seinem Hochzeitsbild nicht mehr erkennt, wenn er seine Tochter wie eine Fremde behandelt und mit seinem besten Freund nichts mehr anzufangen weiß”, sagt Karin M. Sie ist einsam geworden neben dem Menschen, den sie liebt.

Reiner M. wird zum Pflegefall; seine Betreuung für die Familie zur Zerreißprobe. Mittlerweile lebt der 63-Jährige in einem Heim, mit Pflegestufe II. Die 600 Euro Rente des Mannes, der zuletzt als selbstständiger Vertreter arbeitete, decken bei weitem nicht die Pflegeheimkosten von etwa 2200 Euro im Monat. Etwa 200 Euro schießt seine Frau jeden Monat zu. Dazu kommen 300 Euro für Medikamente, Kleidung, Fuß- und Körperpflege sowie Friseur. Noch kann es sich die 55-Jährige leisten. Sie geht voll arbeiten, verdient nicht schlecht. “Aber Rücklagen kann ich schon lange nicht mehr bilden”, sagt Karin M. Um die Kosten der Pflegeversicherung langfristig zu finanzieren, will Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) im nächsten Jahr eine verpflichtende Zusatzver­sicherung auf den Weg bringen, mit der jeder Bürger eine Reserve für das eigene Alter ansparen soll. “Wovon?”, fragt sich Karin M.

Die Auszahlungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung reichen schon jetzt nicht, um einen Heimplatz zu bezahlen. Die Mehrheit der rund 2,37 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland bekommt Pflegestufe I, bedeutet 1023 Euro im Monat. 1279 Euro gibt es in der Pflegestufe II, 1510 Euro in der Pflegestufe III. In diesem Jahr betrugen die durchschnittlichen monatlichen Heimkosten inklusive Investitionskosten in der Pflegestufe I allerdings 1600 Euro, in der Pflegestufe II 2150 Euro und in der Pflegestufe III 2690 Euro. Die monatliche Differenz zwischen Soll und Ist beträgt demnach bis zu 1180 Euro. Reichen Rente und Vermögen nicht aus, um die Pflegekosten zu zahlen, springt das Sozialamt ein. Doch die öffentlichen Kassen sind leer. Daher landet bald ein Brief beim Partner oder den Kindern, in dem sie aufgefordert werden, Einkommen und Vermögen offenzulegen.

So auch bei Kurt K.* 1166 Euro Rente stehen dem 69-jährigen Thüringer zu. 289 Euro muss er jeden Monat von Amts wegen zur Pflege seiner 68-jährigen Frau, die vor acht Jahren an Alzheimer erkrankte, zuschießen. Auch ihre Rente in Höhe von 749 Euro deckt die Kosten der Pflege in Stufe III nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass der Ingenieur seine Frau nicht vor Ort betreuen lässt, sondern in einer spezialisierten Pflegeeinrichtung, 220 Kilometer vom Wohnort der Familie entfernt. So trägt der Rentner zudem die Kosten für die doppelte Haushaltführung und die Fahrten. Was ihm bleibt? “200 Euro im Monat”, sagt Kurt K. Er rechnet keinen Cent auf, aber er ist verzweifelt: “Wir sind jetzt 45 Jahre verheiratet, und ich würde für meine Frau das letzte Hemd geben. Aber dass ich aufgrund ihrer Pflege verarme, verbittert mich sehr.” Von seinen Ersparnissen sind bereits 5000 Euro aufgebraucht, die Lebensversicherung gekündigt. “Ich kann Ihnen jetzt schon sagen, wann ich zum Sozialamt muss. Und dass, obwohl ich das ganze Leben gearbeitet habe.” Mehr Augenmaß und Gerechtigkeit fordert er vom Staat: “Hartz-IV-Empfängern, die vor 1948 geboren wurden, steht ein Schonvermögen von 33 800 Euro zu, pflegenden Angehörigen nicht.”

Derzeit dämmert jeder dritte Bundesbürger im Greisenalter dahin. Die Zahl von 1,2 Millionen Demenzkranken wird sich laut Pflegereport 2010 bis 2060 auf 2,5 Millionen mehr als verdoppeln. “Auf die Sozialkassen in Deutschland rollt deshalb in den kommenden Jahren eine Kostenlawine in womöglich zweistelliger Milliardenhöhe zu”, sagt der Vorstandsvize der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker. Für jedes demenzkranke Mitglied müssen die Sozialversicherungen im Durchschnitt 800 Euro Mehrausgaben im Monat einkalkulieren. Die Pflegekassen rechnen pro Demenzpatient mit Ausgaben von 550 Euro monatlich, für einen Nicht-Dementen sind es im Mittel nur 25 Euro. Würde es gelingen, die stationäre Betreuung und Pflege aller Pflegebedürftigen um nur einen Monat aufzuschieben, würde das laut einer Studie der Universität Erlangen-Nürnberg eine Kostenersparnis von 1,21 Milliarden Euro im Jahr bringen.

“Das setzt voraus, dass die pflegenden Angehörigen finanziell besser unterstützt werden”, sagt Josef Hille, Leiter der Demenzhilfe-Beratungsstelle der Alzheimer Angehörigen-Initiative Leipzig: “Demenzerkrankungen sind vor allem eine Herausforderung für Familien der Betroffenen.” Niemand, so Hille, wünsche sich, im Falle der Pflegebedürftigkeit nach Minimalstandard – satt, sauber und sediert – in einem Pflegeheim untergebracht zu sein. “Die zeitweilige Unterbrechung der Berufstätigkeit zur Pflege der demenzkranken Angehörigen sollte als echte Alternative zur Heimunterbringung durch Gewährung eines angemessenen Pflegegeldes, wie es in Österreich schon gang und gäbe ist, ermöglicht werden”, sagt Hille.

Kurt K. wäre für finanzielle Unterstützung dankbar. Schon heute sitzt er von früh bis spät am Bett seiner Frau und übernimmt die Arbeiten, für die eigentlich das Pflegepersonal bezahlt wird – füttern, mobilisieren, waschen, kämmen. Was wird, wenn er nicht mehr kann? “Am liebsten”, sagt Kurt K., “wäre ich gleich tot. Noch ein Pflegefall in der Familie – Gott möge es verhindern.”

* Namen geändert

i Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft betreibt ein bundesweites Alzheimertelefon: 01803 171017
Infos im Internet: www.wegweiser-demenz.de oder Alzheimer Angehörigen Initiative Leipzig, Tel.: 0341 86329906, www.demenz-leipzig.de

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Liebevolle Fürsorge daheim – nur die wenigsten Pflegebedürftigen bekommen diesen Wunsch erfüllt. Foto: dpa

HINTERGRUND


420000 Menschen sind momentan in Österreich auf ständige Pflege angewiesen. Jährlich werden es mehr. Die Alpenrepublik hat sich als eines der ersten Länder dieser Herausforderung gestellt und ein einheitliches Pflegevorsorgesystem geschaffen. Im Juli 1993 ist das Bundespflegegeld­gesetz in Kraft getreten und brachte eine völlige Neuordnung der Pflegevorsorge in Österreich. Das Pflegegeld trägt dazu bei, dass sich jeder Mensch möglichst nach seinen eigenen Bedürf­nissen selbst Pflege organisieren kann.

Auf das Pflegegeld besteht Rechtsanspruch. Es ermöglicht den Pflegebedürftigen eine gewisse Unabhängigkeit und ermöglicht einen längeren Verbleib in gewohnter Umgebung. Das Pflegegeld wird in sieben Stufen eingeteilt. Die Einteilung in die Stufen erfolgt nach Anzahl der nötigen Stunden an Pflegebedarf im Monat. In die 1. Stufe fällt eine Person, die mindestens 50 Stunden pro Monat Pflegebedarf hat. In Stufe 7 fallen schwerst behinderte Menschen, die nicht in der Lage sind, Arme oder Beine zielgerichtet zu bewegen. Das Pflegegeld wird zwölf Mal jährlich ausgezahlt und beträgt von monatlich etwa 155 Euro (Stufe 1) bis etwa 1656 Euro (Stufe 7). Es wird auf die Mindestdauer von sechs Monaten gewährt. Die Höhe ist nur von der Pflegestufe abhängig, nicht vom Einkommen und der Ursache der Pflegebedürftigkeit. Zusätzlich gibt es ab Pflegestufe 3 für die Betreuung in den eigenen vier Wänden eine Förderung für den pflegenden Angehörigen, abhängig vom beruflichen Status. Das Pflegegeld in Österreich ist steuerfinanziert und nicht als Versicherungsleistung mit Beitragspflicht konzipiert. sil

Treffen im Advent

Auch in diesem Jahr treffen sich alle Mitglieder der Alzheimer Angehörigen-Initiative Leipzig e.V. am Dienstag, den 14. Dezember ab 18 Uhr zu einem gemütlichen Beisammensein im Advent mit Kaffee und Kuchen in der Demenzhilfe-Beratungsstelle.